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Rückblick Ironman 70.3 Kraichgau

 

Es ist jetzt schon ein paar Tage vorbei. Leider. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge blicke ich zurück auf meinen ersten 70.3 im Kraichgau.

Früher fand ich es irgendwie immer mega kitschig, wenn Leute erzählt haben, „Einmal im Leben möchte ich das oder das machen.“. Mach doch. Habe ich gedacht. Aber muss man darum so einen Zirkus machen? Einfach machen!
Irgendwann vor knapp drei Jahren kam dann in mir auch so ein seltsamer Wunsch auf. Auf meiner „Bucket List“ stand ganz oben: Einmal einen Ironman 70.3 finishen. Am besten sofort. Wer weiß schon, wie viel Zeit einem im Leben noch bleibt.

Ich habe mir dann doch ein bisschen mehr Zeit gelassen. Sowohl bei der Wunscherfüllung, als auch bei dem Wettkampf.

Aber eins nach dem anderen…. Nachdem unser Ausflug zur Radstreckenbesichtigung ins Kraichgau vor einigen Wochen, mein absoluter Albtraum wurde, habe ich niemals damit gerechnet, diesen Wettkampf auch nur ansatzweise mit Freude zu beenden. Ich hatte mich seelisch schon auf eine absolute Quälerei eingestellt.

Als wir Freitags vor dem Wettkampf mit Sack und Pack und Rad und Freund, und Vater und Bruder in das vollgeladene Auto gestiegen sind, war ich nervlich schon ein absolutes Wrack.

Als ich am Hardtsee wieder ausgestiegen bin, die unendlich vielen Ironman Banner und die bereits aufgebaute Wechselzone gesehen hatte, war das alles erst einmal verflogen. Hier soll er also starten, der längste Tag des Jahres. Rein in den Neo, ab in den See, schon mal testen, ob das Wasser sich genauso anfühlt wie vor einigen Wochen. Tat es. Gott sei Dank, ein Problem weniger.

Bleibt noch das größere Problem, der „Gassbuckel“ in Gochsheim. Auf meiner Facebook – Seite hat es jemand nett gemeint und geschrieben „… Ich glaube Gochsheim ist morgen gesperrt wegen ´ist kacke´. Es geht flach drum herum“.
Wäre schade gewesen, wenn´s tatsächlich so gekommen wäre.

kraichgau

RACEDAY. Hat man auf einmal überall gelesen und gehört…
Geht dann wohl jetzt endlich los. Morgens noch schnell alles so gemacht wie zuvor Zuhause getestet. Haferbrei mit Apfelmus in den Magen, so viel wie möglich und so wenig wie nötig. Ich glaube, viel habe ich nicht gegessen. Schnell noch ein Snickers hinterher geschoben (für den Fall das es mal wieder länger dauert) und dann stand ich schon in meinem Neo und mit der pinken Badekappe in mitten von hunderten Athleten. Oh mein Gott. Was für ein Gefühl.

Ich hab schon losgeheult, bevor es auch nur ansatzweise losging. Und plötzlich der erste Anflug von Panik und die Frage, was ich denn machen soll, wenn ich nicht ankomme… Dann die Antwort von meinem Freund Kolja. Die werde ich mir merken. Für all seine Rennen, für all seine Nervosität und für überhaupt wenn er mal wieder irgendwas an Renntagen zu mäkeln hat:

Es ist NUR Triathlon.
Aha. Ne, Freundchen. Es ist IRONMAN. Das ist ja wohl mal was ganz anderes. Pah.

Und dann ging’s los, rein in’s Wasser. Kanonenschlag. Und ab. Viel zu weit entfernt von der Startlinie. Also viel zu weit hinter der Startlinie. Nicht wie die Profi Männer.

Anfängerfehler Nummer 1. Anfängerfehler Nummer 2 folgte dann an der Boje, als ich in die klassische Prügelei mit den Männern kam. Für’s nächste mal weiß ich dann, dass ich es so mache wie Ihr und auch mit Fäusten um die Bojen schwimme.

Viel zu lange im Wasser rumgepaddelt, ab auf’s Rad und die ersten flachen 20 Kilometer genießen. Und die Aufregung in den Griff bekommen. Und dann ging’s los. Hügel hoch. Hügel runter. Kurve links, rechts. Hügel hoch, Hügel runter. Und das dauerte dann für die nächsten Stunden so an… Es war toll. Der Wahnsinn. Hammer. Ich finde keine andere Beschreibung. Irgendjemand hatte scheinbar die Radstrecke aus der geführten Tour ausgewechselt. Das Rad fuhr irgendwie wie von allein, mein Angstberg in Gochsheim sollte das Highlight des Tages werden.
Als ich mit großer Erwartung und großer Nervosität um die Links-Rechts-Kurve bog, machte ich nur noch große Augen. Am Straßenrand säumten wirklich unendlich viele Leute den kleinen Anstieg und feierten jeden einzelnen Athleten, der hier hochmusste. Ich weiß nicht wie, aber vom Gefühl her bin ich diesen Mini-Hügel mit 13% Steigung hochgeflogen. (Okay, der Tacho hat was von 16kmh gesagt, aber es fühlte sich an wie fliegen.) Auf der Hälfte hab ich dann spontan wieder angefangen zu heulen. Als ich meinen Namen auf der Straße gelesen habe (für wen auch immer das gedacht war – danke 😉 fiel mir zum ersten mal ein großer Stein vom Herzen, weil ich den „schlimmsten“ Teil des Tages schon mal geschafft hatte.

Oben angekommen, nochmal eine Traube von Zuschauern, die sich mit einem freuten, als wären Sie grad selbst hier hochgetrampelt. Alles was im Vorfeld über den Gassbuckel gesagt wurde, kann ich so unterschreiben. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, durch diese kleine Gasse hochzufahren. Traumhaft. Dass ich das mal sagen würde, hatte ich mir im Leben nicht erträumt.
40 Kilometer weiter wartete die nächste Herausforderung. Der Eichelberg mit dem Schindelberg im Gepäck. Lustig war’s. Während ich Koljas Worte immer im Kopf hatte, „kleine Gänge, hohe Trittfrequenz und locker pedallieren“, sah ich den ein oder anderen Rennanzug á la Jan Frodeno neben mir. Moment, hinter mir…. Dann der nächste. Und wieder einer. Und das Surren der Scheiben wurde auch immer leiser. Strange.
Lustig…
Da packen die Jungs sich an Ihre dicken Räder die fettesten Scheiben, schmeißen sich in die teuersten Race-Suits und lassen sich dann von ’nem Mädchen am Schindelberg überholen!?! Haha. Auch DAS ist IRONMAN. Lustig.kraichgau4

Das war auf jeden fall ein Erlebnis der besonderen Art. Und ja, liebe Männer, ihr könnt Euch feiern, dass Ihr trotzdem die schnelleren Radzeiten fahrt, aber so ein bisschen albern ist das schon irgendwie, wenn Ihr Euch mit weniger als zehn km/h im Kraichgau einen Anstieg hoch quält.

Hatte ich mich im Vorfeld noch gefragt, was man 90 Kilometer im Wettkampf allein auf dem Rad macht, verging die Zeit wie im Fluge… Es war irgendwie viel zu schnell vorbei. Die schöne Landschaft, die abwechslungsreiche Radstrecke, die feiernden kleinen Dörfer, die vielen Radgruppen unterwegs machten es wirklich kurzweilig.

Als ich mein Rad in der Wechselzone abgegeben habe, wunderte ich mich, dass meine Beine sich noch so anfühlten, als würden Sie zu noch zu meinem Körper gehören. Mist. Also doch zu langsam Rad gefahren. Ich hatte mir vorgenommen, es nicht zu übertreiben, mir die Strecke gut einzuteilen. Das meinte ich wohl etwas zu gut, als die Uhr bei 3:18h stehenblieb. Egal.
Jetzt der Teil, auf den ich total gespannt war. Laufen. Ich bin bisher nie einen Halbmarathon gelaufen. Verletzt, krank, Trainingsfaul, verletzt… In dem Rhythmus lief es die letzten Monate. Und also spulte ich mein lockeres GA1 Tempo, was ich so aus dem Training kannte, ab. In Runde eins. In Runde zwei war das lockere GA1 – Tempo dann schon nicht mehr so locker. Ich freute mich, dass meine Familie sich an der Strecke verteilt hatte, nur meinen Papa habe ich nicht gesehen.

30 Jahre zurückversetzt habe ich meinem Bruder und Kolja nur zugerufen „Wo ist mein Papa!!??“. Haha. Wie damals. Samstagmorgens, als ich in dem riesen Lebensmittelgeschäft alleine unterwegs war und Ihn verloren hatte. Also Ausschau halten. So verging Runde zwei dann fast wie im Fluge. (Gefühlt. Meine Polar sagte was ganz anderes.) Auf Runde drei dann der ganz große Schock. Ich merkte, wie sich mein Schnürriemen lockerte. Der Gedanke daran, mich gleich bücken zu müssen, machte mir etwas Angst. Da waren sie wieder, meine drei Probleme:

Wie komme ich runter an meinen Schuh? Und wie komme ich wieder hoch? Und wo ist mein Papa? Das waren die Probleme, die mich auf Runde drei am Leben hielten.
Eigentlich hatte ich mir mal vorgenommen unter 6h im Kraichgau bleiben zu wollen. Jetzt kann ich anfangen dies zu rechtfertigen, dass ich verletzt war, oder krank, oder was falsches gegessen hatte, oder den Wettkampf aus dem Training raus machte, oder oder oder… Ich kann aber auch schlicht und ergreifend einfach nur sagen, dass ich es nicht geschafft habe. Wahrscheinlich, oder ziemlich sicher, weil ich mich nicht bestens drauf vorbereitet hatte.

Ich spulte aber mein Programm weiter ab. Die letzte Runde, meinen Papa endlich am Rand entdeckt und auf der Uhr eine mögliche Sub 6:30h. Auch wenn ich einfach nur ankommen wollte, hatte ich im Kopf doch schon meine Zeiten zusammengerechnet, dass ich etwas an Geschwindigkeit zulegen sollte, um das noch zu schaffen. Klingt so einfach, wenn man das erste Mal so ewig lange unterwegs ist, keinen Plan von Renneinteilung hat und auch sonst nicht weiß, ob der Körper mitspielt. Aber das tat er.
Ganz brav, wie ich es zu Beginn nicht gedacht hatte. Bei Kilometer 20 musste vor mir mehrfach ein Athlet stehen bleiben und seine Krämpfe dehnen. Er tat mir so leid. Das Ziel war irgendwie so greifbar und dann sowas… . Und so langsam realisierte ich dann auch mal, dass ich irgendwie nicht mehr so weit, von diesem „legendären“ Zieleinlauf entfernt war. Die Straße runter, noch fix meinem Dad irgendwie zugerufen, dass ich jetzt in’s Ziel laufe und dann war er da. Der Zielkanal. Der rote Teppich. Die Leute links und rechts. Mein Bruder, Kolja….Und die Heulerei ging von vorne los. Bei 6:28h stoppte ich nicht nur meine Uhr, sondern auch die offizielle Uhr blieb stehen. Das war’s. Angekommen. Medaille um den Hals. Foto für’s Familienalbum. 1,9km Schwimmen, 90km Radfahren und 21km Laufen. Das war’s. Unter 6:30h geblieben. Das war’s schon?? kraichgau6

Ich war mir auf der Laufstrecke ziemlich sicher, dass ich niemals meinen gebuchten Marathon in Frankfurt antreten werde, dass ich das nie wieder mein Athletik -Training so schleifen lasse, dass ich sicherlich niemals nochmal so „schlecht“ vorbereitet in eine Mitteldistanz gehen werde. Und das ich ganz sicher niemals eine Langdistanz machen möchte.

Als das erste Gefühl sacken konnte, der Muskelkater nach zwei Tagen schon wieder völlig weg war, ist mir nicht nur bewusst geworden, dass ich zu langsam war, sondern auch, dass ich das nochmal machen möchte.

Finisher Pix aus Hanau war so lieb und hat mir meine Racefotos zu meinem ersten 70.3 geschenkt, während ich die Fotos durchgeschaut habe, war ich mir ziemlich sicher, dass da noch viel Verbesserungspotential steckt. Und ja, ich möchte das ganze nochmal machen. Am liebsten noch dieses Jahr.

Und ja, ich möchte auch irgendwann doch einen richtigen, echten Ironman machen. Nicht irgendwann, aber 2018. 🙂

Und ja, jetzt dürft Ihr alle wieder sagen: „Ach das schafft ’se sowieso nicht.“ Wie beim letzten mal….

Ach, und Kolja, wenn Du am Wochenende an den Start in der 2.Bundesliga gehst: Denk dran,

Es ist NUR Triathlon! 🙂

P.S.:
An dieser Stelle möchte ich auch nochmal ein Danke an Dan Lorang loswerden, der „damals“ die richtigen Worte zur Motivation und zum dranbleiben gefunden hat.
Kleine Worte, große Wirkung! Das hat mich wirklich sehr gefreut! 🙂

Foto: FinisherPix

Ganz lieben Dank, dass Ihr mir die Fotos zur Verfügung gestellt habt!!

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3 Kommentare zu „Rückblick Ironman 70.3 Kraichgau

  1. Hast du schön geschrieben! Ich bin etwas neidisch – aber naja, Gesundheit ist wichtiger. Mein Tag wird auch noch kommen. Und dein Bericht zeigt mir wieder, dass man es einfach tun muss – egal, ob man vorher einen Halbmarathon gelaufen ist oder nicht. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

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    1. Gesundheit geht vor, ganz klar, allerdings kann ich auch verstehen, wie sich das anfühlt nicht dabei gewesen zu sein. Ich hatte ja auch etliche Stolpersteine, inkl. 8-Lauffreien Wochen vor Kraichgau, so dass ich auch überlegt hatte, ob das Sinn macht. Es ist auf jedenfall ein ganz toller Wettkampf, den ich Dir nur an´s Herz legen kann für nächstes Jahr! 🙂

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